Theo Fett – ein herausragender Wissenschaftler und ein bescheidener Mensch

Am 13. Januar 2026 ist Dr. Theo Fett verstorben - friedlich, wie aus der Familie zu erfahren war. Theo Fett war viele Jahrzehnte lang ein prägender Wissenschaftler am heutigen Institut für Angewandte Materialien – Werkstoff- und Grenzflächenmechanik. Die experimentellen und theoretischen Arbeiten von Theo Fett in der Bruchmechanik - hier insbesondere zum mechanischen Verhalten keramischer Werkstoffe - waren führend und haben die wissenschaftliche Community weltweit beeinflusst.

Wie sein wissenschaftliches Arbeiten ist auch der berufliche Werdegang von Theo Fett geprägt von seinem fortgesetzten Bestreben, den Dingen ganz auf den Grund zu gehen. Theo Fett wurde am 10.03.1943 in Homberg (Ohm) geboren. Nach der Mittleren Reife (1959) absolvierte er eine dreijährige Lehre zum Werkstoffprüfer bei der heutigen Firma KAMAX, um dort anschließend für ein Jahr in diesem Beruf zu arbeiten. Es folgte bis 1966 ein Studium zum Ingenieur (grad.) der Fachrichtung Physikalische Technik an der Physikalisch-Technischen Lehranstalt in Wedel (Holstein). Von 1966 bis 1974, mit einer Unterbrechung durch den Grundwehrdienst, arbeitete Theo Fett als Ingenieur bei den Farbwerken Hoechst in Frankfurt. Aber es drängte ihn immer weiter, sein Wissen und sein Verständnis noch mehr zu vertiefen. 1974 war es ihm dann möglich, das Studium der Physik an der Justus-Liebig-Universität Gießen zu beginnen, das er 1979 mit dem Diplom abschloss. Jetzt führte ihn sein Weg in die Wissenschaft, zunächst bis 1982 an das damalige Institut für Werkstoff-Forschung am heutigen DLR in Köln-Porz, an dem er ein DFG-Projekt von Prof. Dietrich Munz mit großem Erfolg bearbeitet hat. Im Anschluss daran war Theo Fett am damaligen Kernforschungszentrum Karlsruhe GmbH (heute Teil des KIT) zunächst am Institut für Reaktorbauelemente tätig. Am 10. Februar 1983 wurde Theo Fett bei Prof. Dietrich Munz, dem Leiter des seinerzeitigen Instituts für Zuverlässigkeit und Schadenskunde im Maschinenbau der Universität Karlsruhe (TH), zum Dr.-Ing. promoviert. Der Titel seiner Dissertationsschrift lautet „Lebensdauervorhersage an keramischen Werkstoffen mit den Methoden der Bruchmechanik bei elastischem und viskoelastischem Materialverhalten“. Bis zu seiner Pensionierung 2005 hat Theo Fett im Zuge diverser Umstrukturierungen am heutigen Institut für Angewandte Materialien – Werkstoff- und Grenzflächenmechanik gewirkt. Er hat sich danach aber keineswegs zur Ruhe gesetzt, sondern bis zuletzt wissenschaftlich gearbeitet und publiziert. Nunmehr frei von jeglichen nichtwissenschaftlichen Notwendigkeiten hat er sich am Institut für Angewandte Materialien – Keramische Werkstoffe und Technologien einerseits ganz seinen ureigenen Forschungsinteressen gewidmet und war dort andererseits ebenso hoch geschätzter wie immer hilfsbereiter wissenschaftlicher Berater.

Theo Fett zeichnete sich als Wissenschaftler durch seine Fähigkeit aus, Problemstellungen rasch zu durchdringen und sowohl experimentelle als auch theoretische Lösungswege zu erarbeiten. Dabei halfen ihm sein fundiertes physikalisches Grundwissen und seine hervorragenden mathematischen Kenntnisse. Die umfangreiche wissenschaftliche Leistung von Theo Fett kann an dieser Stelle nicht angemessen gewürdigt werden. Einzelheiten zu einigen seiner Arbeitsgebiete und Erkenntnisse können den beiden Lehrbüchern, die er gemeinsam mit Prof. Munz verfasst hat, entnommen werden. Das deutschsprachige „Mechanisches Verhalten keramischer Werkstoffe“ (Springer 1989) und das englischsprachige „Ceramics: Mechanical Properties, Failure Behaviour, Materials Selection“ (Springer 1999) sind die weithin sichtbarsten Früchte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Als Stichworte hier zu findender, von ihm bearbeiteter Gebiete zu keramischen Materialien seien erwähnt: Theorie der Bruchmechanik und Methode der Gewichtsfunktionen, Messung von Festigkeiten, unterkritisches Risswachstum, zyklische Ermüdung, statistische Beschreibung der Streuung der Lebensdauer, Mehrachsigkeits-Kriterien, Thermoschock, Hochtemperaturkriechen, Plastizität infolge von Phasentransformation und Domänenumklappen und vieles mehr.

Ein Arbeitsgebiet von Theo Fett, das noch bis zuletzt an unserem Institut nachgewirkt hat, sind die ferroelektrischen Piezokeramiken. Als in der Mitte der 1990er Jahre piezokeramische Aktoren an Bedeutung gewannen, wandte sich die Forschungsabteilung eines international führenden deutschen Elektrotechnikkonzerns an unser Institut, das dort, vor allem infolge des Wirkens von Theo Fett, als Hochburg der Mechanik von Keramiken erkannt worden war. Piezoelektrische Materialien waren bis dahin in erster Linie aus Sicht der Elektrotechnik betrachtet worden. Innerhalb kürzester Zeit konnte Theo Fett mit all seiner Erfahrung, seinen speziell entwickelten experimentellen Methoden und Modellierungen, die den bei diesen Materialien auftretenden Nichtlinearitäten gerecht wurden, wegweisende Resultate zur mechanischen Zuverlässigkeit gewinnen. Die wissenschaftlichen Arbeiten von Theo Fett sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass keramische Materialien im Maschinenbau als Konstruktions- und Funktionswerkstoffe Anwendung finden können.

In seinem „Ruhestand“ perfektionierte Theo Fett am Institut für Angewandte Materialien – Keramische Werkstoffe und Technologien noch seine eigenen experimentellen Methoden zur Bestimmung der Lebensdauer spröder Materialien: durch eine geniale Verknüpfung von Theorie und Experiment prägte er maßgeblich die Bestimmung von Risswiderstandskurven und der zugrundeliegenden Mechanismen im Bereich sehr kleiner Risslängen. Gleichzeitig entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit und innige Freundschaft mit Dr. Sheldon Wiederhorn vom National Institute of Standards and Technology (NIST, USA), der ihn regelmäßig in Karlsruhe besuchte. Beide im „Ruhestand“, widmeten sie sich dem Einfluss von Diffusionseffekten auf die mechanischen Eigenschaften von Glas. Ihre Erkenntnisse publizierten sie in zahlreichen gemeinsamen wissenschaftlichen Artikeln, die ausnahmslos in renommierten Zeitschriften erschienen.

Abgesehen von seiner wissenschaftlichen Leistung hat Theo Fett alle Menschen, die ihn erlebt haben, mit seiner Persönlichkeit zutiefst beeindruckt. Es wird immer wieder betont, was für ein bescheidenes Wesen er hatte, wie sehr er sich selbst zurückgenommen hat und wie höchst integer er war. Er wird als äußerst kluger, hilfsbereiter und feiner Kollege beschrieben, dessen Wort viel Gewicht hatte. Man kann wohl sagen, dass er von allen, die mit ihm gearbeitet haben, respektvoll geliebt wurde. Als Wissenschaftler im „Ruhestand“ überraschte er auch immer wieder durch seine lyrischen Beiträge „von einem anonymen nordhessischen Dichter“. Ein heute an einer deutschen Forschungseinrichtung in Vorstandsposition tätiger ehemaliger Mitarbeiter unseres Instituts hatte es bei einem Kolloquium für Theo Fett in 2005 so auf den Punkt gebracht: „[Theo] Fett hat sich durch seine Entdeckungen einen bleibenden Ruhm in der Wissenschaft gesichert. Ihm selbst war […] es nur um der wissenschaftlichen Neugierde willen, die er fröhlich und auf den Fluren pfeifend mit Genuss verfolgte, nie macht sich die geringste Spur von Ruhmessucht oder persönlichem Interesse bei ihm geltend.“ Obwohl Theo Fett in der Mechanik spröder Materialien eine international anerkannte Autorität war, stellte er die Bedeutung seiner eigenen Arbeiten nie in den Vordergrund. Wenn irgendwo die Rede darauf kam, dass man am selben Institut wie er arbeitet, dann hat dieser Glanz auch auf einen selbst abgefärbt. Ausgerechnet Theo Fett ist in Begutachtungen oder vergleichbaren Situationen mit einer spürbaren Anspannung angetreten, konnte dort jedoch stets weit über die Anforderungen hinaus überzeugen. Ein befreundeter Lehrstuhlinhaber einer benachbarten Universität berichtet aus dem Gutachten zu einem gemeinsamen DFG-Antrag: „Wenn Ihr Doktorand mit Theo Fett arbeitet, wo in der Welt wollen Sie ihn denn dann noch zum Auslandsaufenthalt senden. Dort hat er doch alles!“

Wir sind traurig über den Verlust von Dr. Theo Fett, zugleich aber auch dankbar, einen so außergewöhnlichen Wissenschaftler und Menschen über viele Jahre an unserem Institut gewusst zu haben. Sein Wirken und seine Persönlichkeit werden uns in ehrender Erinnerung bleiben.

Kolleginnen und Kollegen von Theo Fett